Wenn die Arbeit krank macht

30/10/2010

Falsche Haltung und Überbelastung führen oft zu körperlichen Beschwerden. Albert Happle befasst sich als Ergochecker mit der Analyse und Verbesserung der Verhältnisse am Arbeitsplatz.
Von Hugo Berger. Aktualisiert am 26.10.2010

Als Physiotherapeut erlebte Albert Happle, dass immer wieder die gleichen Leute mit ihren alten Beschwerden in seine Praxis kamen. «Es war wie eine Tretmühle, ein Zustand, der mich nicht befriedigte und der auch kostenmässig nicht vertretbar ist.» Das brachte ihn dazu, sich intensiv mit den Verhältnissen am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen. In einem Nachdiplomlehrgang liess er sich zum Betriebstherapeuten weiterbilden. Seit einigen Monaten bietet er in Chressibuech Analyse und Beratung bezüglich ergonomischer Gestaltung der Arbeitsplätze an.

Früh den Hebel ansetzen

Nicht nur die Arbeitswelt hat sich verändert, sondern auch das Verhalten in der Freizeit. Den Hebel ansetzen müsste man bereits im Kinderzimmer, ist Happle überzeugt. Laut einer repräsentativen Studie aus Deutschland verbringen Kinder und Jugendliche 5,8 Stunden am Tag vor einem Medium, wie Fernsehen oder Computer. «Die Verhältnisse sind oft sehr ungünstig, und das nicht nur im privaten Bereich, sondern mitunter auch an Computer-Arbeitsplätzen in der Schule sowie an Büroarbeitsplätzen», weiss Happle. Die häufigsten Fehler: Falscher Lichteinfall (Gerät steht vor einem Fenster); Arbeitsfläche zu klein, so dass Unterarm und Handgelenk nicht abgestützt werden können; mehrheitlich sind die Arbeitsflächen zu tief eingestellt, und die Personen arbeiten leicht nach vorne geneigt in schlechter, belastender Körperhaltung. Die Folgen sind bekannt: Beschwerden in der Kreuzgegend und in der Schulter-Nacken-Region, Kopfschmerzen und Beschwerden der Unterarme und Handgelenke infolge der Überbelastung.

In Anspruch genommen wird der Ergochecker von Kunden aus dem Verwaltungs- und Administrationsbereich, der Elektronik- und Metallverarbeitungsbranche sowie von Dienstleistungsunternehmen. Am Beginn eines Auftrages steht die Analyse des Arbeitsplatzes. Im Zentrum steht dabei der betreffende Angestellte. «Ich gehe nicht einfach in ein Büro und schaue, ob der Stuhl richtig eingestellt ist oder die Beleuchtung stimmt, sondern ich gehe vom Befinden des Mitarbeiters aus», betont Happle. Klagt dieser beispielsweise über wiederkehrende Kopfschmerzen, ist das ein Signal für den Ergochecker, dass etwas nicht stimmt. Aufgrund der Analyse wird der Geschäftsleitung ein Vorschlag zur Verbesserung der Arbeitsplatzverhältnisse aus ergonomischer Sicht unterbreitet. «Bei der Befragung der Angestellten treten nicht nur physische, sondern oft auch psychosoziale Belastungen wie etwa familiäre Probleme zu Tage», so die Erfahrung von Happle. Ist dies der Fall, werde die Geschäftsleitung zwar davon in Kenntnis gesetzt, die Lösung aber sei allenfalls anderen Fachspezialisten vorbehalten.

Zu weicher Untergrund

Manchmal lässt sich die Arbeitsplatzbelastung nach der Erfahrung von Happle durch einfache Massnahmen verringern oder beheben. Ein Beispiel: Ein Arbeiter, der eine Abkantmaschine bediente, klagte über Beschwerden am Fussgelenk. Die Analyse ergab, dass die Unterlage, auf der er stand, zu weich war und dem Fuss beim Bedienen des Pedals zu wenig Widerstand bot. Die Folge davon war, dass das Gelenk jeweils grosser Belastungen ausgesetzt war.

Einfache Massnahmen helfen

Einfache Massnahmen wie etwa das Einrichten von Steh-Sitzplätzen helfen auch oft, die einseitige Belastung bei vorwiegend sitzender Tätigkeit zu mildern. Nicht immer aber kann der Ergochecker derart einfache Lösungen anbieten. So ergab die Analyse in einem Industriebetrieb, der aussergewöhnlich viele krankheitsbedingte Ausfälle zu verzeichnen hatte, dass nur eine grosse Umstrukturierung zu einer Verbesserung der Bedingungen am Arbeitsplatz führt.

(ThurgauerZeitung)

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